Tag 4: Die Faust in der Tasche

Käme mir heute ein Schwein vor die Flinte, ich würde schießen, schießen, schießen. Meine Umwelt gibt mir immer mehr das Gefühl, dass ich das allerletzte Stück Dreck bin. In den meisten Momenten deckt sich das ja mit meiner Eigenwahrnehmung, aber heute bin ich auf dem Baum. Meine Freundin D. mit den tollen Ratschlägen für die Lösung meiner Lebensprobleme suhlt sich gerade in ihren Post-Beziehungsproblemen. Und mir wird der Mund verboten. Ja, da ist es wieder - mein altbekanntes Dachlatten-Verrammel-Bild. Aber warum eigentlich ich? Warum soll ich immer brav die Schnauze halten? "Will ich das hören?", ist D.s Standardsatz, wenn ich einatmen, um dann verbal auf ihre Redebeiträge zu reagieren. Gut, dann sage ich eben nichts mehr. Einfach mal die Schnauze halten. Dass ich dann aber bald auch wirklich den Rückzug antrete, müsste D. eigentlich wissen. So gut müsste sie mich mittlerweile kennen. Ich bin geladen wie ein Maschinengewehr und knalle den Hörer nach diesem unerquicklichen Telefonat auf. Dann steht D. jetzt also auch auf der Liste der Menschen, die ich nicht mehr anrufen und sehen werde. Die Scheißliste wird immer länger. Und ein Blick auf diese imaginäre Liste gibt mir das Gefühl, dass ich nur noch ein unerträgliches Phänomen für meine Mitmenschen bin. Wenn ich demnächst verrecke, tanzen die auf meinem Grab vor lauter Freude Polka. Warum ist das so? Wo liegt da meine Verantwortung? Mute ich denn tatsächlich allen zuviel zu? Ist es wirklich eine Zumutung, dass ich lebe? Scheinbar haben dieses Gefühl gerade eine Menge Leute. Und ich spüre, wie die Traurigkeit in mir wächst. Ich falle allen zur Last, weil ich bin, wie ich bin. Alle wären ohne mich bedeutend besser dran. Dann würden sie ihr Leben ohne Störfälle führen können. Ich sollte mich einfach schnellstens in meine Bestandteile auflösen, damit alle wieder ihre wohlverdiente Ruhe haben.

Mein Entschluß, mich zurückzuziehen, bleibt also bestehen. Den Kontakt abzubrechen, fällt nicht leicht, aber offensichtlich gibt es keine andere Lösung. Ich will keinem eine Last sein und das Leben versauen. Das ist nun wirklich nicht mein erklärtes Ziel. Das Schlimme ist letztlich, dass diese Vorkommnisse mein Gefühl nähren, dass ich, so wie ich bin, nicht gut genug und deshalb auch nicht liebenswert bin. Ein altes Gefühl - das hatte ich schon als Kind. Und da ist es wieder. Immer wieder springt es wie Jack aus der Box und grinst mich provozierend an: "Na, wann ziehst du endlich die Konsequenzen und machst dich dünne?"

Übertreibe ich jetzt? Gestehe ich anderen Menschen nicht zu, dass sie auch mal seltsam und durchgedreht sein dürfen? Doch, das darf jeder. Ich bin es doch auch. Warum also immer wieder solche Auseinandersetzungen, die alles zerstören? Ich habe keine Ahnung und wie immer keine Antwort. Und ich habe es satt. Ich habe es satt, außer Fragen nichts mehr auf dem Haben-Konto verbuchen zu können. Das ist Scheiße, das ist Dreck - das sollte nicht mein Leben sein. Ist es aber. Ich drehe mich immer mehr in diesen Film. Und vergesse darüber, was ich eigentlich wollte. Ich wollte eigentlich über DD. und mich nachdenken - und zu einer konstruktiven Vorgehensweise kommen. Aber das gebe ich für den heutigen Tag auf. Ich schaffe das eh nicht. Ich werde bis ans Ende meiner Tage damit weitermachen, mich von ihm mies behandeln zu lassen. Weil ich nichts anderes kenne und nichts anderes verdiene. Ich wähle die Qual, weil ich sie kenne. Dann muss ich mich nicht an etwas Neues gewöhnen. Sollen die Leute denken, was sie wollen. Ich werde nicht mehr darüber reden. Ich werde jetzt schweigen. Vielleicht wollen sie das ja so! Und sie bekommen, was sie wollen.

7.8.10 14:55

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