Tag 3: Notschlachtung ist doch immer eine Lösung

Ich habe die Schnauze voll: von mir, von DD, von dem Leben, wie ich es kenne. Ich habe die halbe Nacht wachgelegen und mich gefragt, wozu das alles noch gut sein soll. Ich habe natürlich keine Antwort aus dem Off erhalten. Wer immer da draußen für die Beantwortung meiner Fragen zuständig ist, schweigt. Vielleicht hat die Antwortabteilung ja gerade Betriebsferien oder ist im Streik. Also muss ich wieder selber ran - und das ist immer ein Desaster. "Das hier ist gut für gar nix!" Das ist die einzige Antwort, die mir einfällt. Mal eben zu den Hintergründen: Das letzte Jahr war der pure, blanke Horror. Im Januar musste ich meinen Hund einschläfern lassen, dann wurde ich krank (Lymphen werden zerfressen!!!) und kurz nach Weihnachten ist mein Vater gestorben. Und dieses Jahr kam die Fehlgeburt und ein erneuter Rückfall in Sachen Lymphen. Das sind nur fünf der wunderbaren Ereignisse, die mein  Leben so einzigartig erfüllt machen. Habe ich da nicht jedes Recht, die Schnauze gestrichen voll zu haben? Scheinbar nicht. Denn nicht nur DD ist der Meinung, dass ich keinen Grund zur Klage habe. Natürlich geht es ihm mit seiner mittlerweile 25 Jahre alten Suchtkarriere tausendmal beschissener als mir. Ist klar! Verstanden gehabt!!! Nicht, dass ich hier den offiziellen "Wessen Leben ist denn nun am grauenhaftesten"-Contest ausrufen will. Ich will ja eigentlich nur ein bisschen Verständnis dafür, dass ich nicht 24 Stunden am Tag wie ein Honigkuchenpferd strahle und schreie "Das Leben ist schön!" Aber neben DD halten mich auch meine Restfamilie und meine Freunde und Bekannten für einen widerlichen Jammerlappen. Nein, es gibt ein paar Ausnahmen - wenn ich die nicht hätte, dann hätte ich wohl auch längst den Dritten Weltkrieg angezettelt. Meine Freundin E. meint zum Beispiel, dass das alles nur eine Frage der Einstellung ist. "Und deine ist eben falsch." Ihr Mann steht ihr in dieser Generalverdammung meiner Person treu zur Seite: "Wenn du dich mal am Riemen gerissen hättest, dann hättest du das Kind auch nicht verloren." Wie ich sowas nenne? Reden ohne Not!!! Wer gibt diesen Leuten eigentlich das Recht, diese Scheiße auch noch auszusprechen? Und was denke nsie, damit ernten zu wollen? Soll ich noch lieb DANKE sagen für solche Sätze? Das Ende vom Lied: Ich ziehe mich immer mehr zurück und pflege meinen Menschenhass.

Auf der anderen Seite weiß ich auch, dass ich mich nicht auf der Tatsache ausruhen darf, dass das Leben nicht einfach ist und mir manchmal übel mitspielt. Ich weiß auch, dass ich meinen Anteil an dieser Sache sicherlich geleistet habe. Wer so ein Leben führt wie ich, muss sich nicht wundern, wenn die Systeme irgendwann mal zusammenbrechen. Raubbau deluxe! Selbstzerstörung 2.0. Ich bin selbst verantwortlich für die Misere, in der ich zurzeit stecke. Aber ich sehe eben keinen Ausweg aus dem ganzen Chaos.

Therapeut Thomas und Hausarzt Robbi sind meine Verbündeten. Die sind wohl auch die einzigen Menschen, die wirklich um das Ausmaß meiner Probleme wissen. Mitleid will ich nicht - darauf kann ich dankend verzichten. Ich will ein offenes Ohr und jemanden, der mir bei der Suche nach einem Ausweg hilft. "Mir würde schon eines Ihrer Probleme reichen, um den Kopf in den Sand zu stecken", hat Robbi Hausarzt mal zu mir gesagt. Und dann hat er so richtig Gas gegeben und einen Behandlungsplan aus dem Ärmel geschüttelt, der leider keine dauerhafte Heilung gebracht hat, der aber dafür wirklich seinen Einsatz dokumentierte. Mir zeigt das immer, dass ich doch nicht ganz allein an all diesen Fronten kämpfe.

DD hat sich gestern übrigens auch nicht mehr gemeldet. Warum auch? Warum sollte er mit mir reden? Ich bin nach seinen Angaben nur eine Psychopathin, die ihm das Leben zur Hölle machen will. Wenn ich mir das ins Gedächtnis rufe und mal rekapituliere, was er mir in den letzten Jahren zugemutet hat, dann habe ich das Schwert in der Hand und möchte direkt zum Angriff reiten. Aber das nützt nichts. Mein lieber Freund K. sagte mir, dass sich diese ganzen Verdächtigungen und negativen Gefühle letztlich nur gegen mich selbst richten. "Du meinst am Ende des Tages doch, dass du die Schuld an allem trägst." Ja, da hat er ins Schwarze getroffen. Tatsächlich überlege ich ständig, was ich falsch gemacht habe, wann ich ihn unter Druck gesetzt, ihn verletzt oder schlecht behandelt habe. "Was soll das? Siehst du nicht, wer da wen quält?", fragt K. und redet auf mich ein. Mit Engelszungen. Und ich fange an, in das selbe Horn zu blasen. Aber wenn das Gespräch mit K. vorbei ist, kehre ich sofort zu meiner eigenen Deutung der Dinge zurück und kasteie mich für meine Fehler.

Da aber Jammern nicht gilt und das Leben irgendwie weitergehen muss, mache ich mich auf und lasse mir die Haare schneiden. Klingt jetzt schrecklich banal, aber auch so geht die Zeit rum. Und außerdem gähnt mich der leere Kühlschrank schon seit Tagen aggressiv an, dass ich auch noch einen Supermarkt ansteuere und irgendwas in meinen Wagen packe, das die leeren Fächer im Kühlgerät meines Vertrauens füllt. Aber dann sitzte ich doch wieder mit meiner Zigarette auf meinem Sofa und könnte schreien.

Wo ist eigentlich die Rachel geblieben, die ich mal war? Die hatte Freude am Leben, Spaß, war kreativ und relativ erfolgreich im Job, ein Sonnenschein für ihre Mitmenschen, eine Bereicherung jeder Ansammlung von zwei oder mehr Menschen. Bei einer Sitzung mit Therapeut Thomas habe ich für diesen Teil meiner Persönlichkeit eine große Holzkiste mit verschließbarem Deckel als Anschauungsmaterial herangezogen. "Das ist die Rachel, die ich mal war. Da sind die Sachen weggesperrt, die Rachel mal ausgemacht haben. Und ich stehe jetzt vor dieser Kiste und trauere um diesen Teil von mir und ich würde so gern den Deckel lüften und endlich all die Dinge wiederhaben. Aber ich habe die Schlüssel nicht mehr. Die habe ich auf dem Weg verloren." Eine ziemlich traurige Geschichte, oder? Ich fand's so schön rührig, dass ich schon wieder vor Lachen gebrüllt habe. "Naja, ich finde Ihren Zynismus ja eigentlich sehr erfrischend, aber finden Sie diese Reaktion jetzt nicht ein wenig unangebracht?", fragte Therapeut Thomas. "Was hätten Sie denn lieber? Soll ich heulen und mich schreiend auf den Boden werfen? Dann wird's hier nass und Sie müssen wischen. Auch nicht schön, oder? Und angebracht auch nicht." Da war er natürlich still und schüttelte nur mitleidig den Kopf. Ich bewundere seinen Langmut, den er im Umgang mit mir an den Tag legt. Ich an seiner Stelle hätte mich längst geschlachtet. Aber wahrscheinlich zahlt ihm die Krankenkasse ein schickes Schmerzensgeld für Patienten wie mich. Psychoschnitzer hätte ich werden sollen! Dann würde ich fürs Zuhören bezahlt und hätte schon ein nettes Ferienhäuschen in der Normandie. Das mit dem Schlachten thematisiere ich dann auch auf der Stelle. "Notschlachtung ist doch immer eine Lösung!" Er lacht lauthals und schlägt mir auf die Schulter. "Na klar, genau wie Gewalt. Aber ich habe keine Abrechnungsnummer für solche Dienste am Patienten." Ein Mann mit Humor. Daumen hoch für Thomas.

Heute werde ich mit meinen Freundinnen H. und S. versuchen, einen netten Abend zu haben. Die kommen auf Krankenbesuch. Das tun sie alle - seit eineinhalb Jahren. Themen wie Lymphen und DD vermeide ich tunlichst. Ich kann es nämlich selber nicht mehr hören. Aber das wissen die anderen ja nicht. Denn die meinen tatsächlich, dass ich mich am liebsten über diese Dinge auslasse. Aber mein Humor ist so wenig kompatibel, dass diese Abende dann immer ungut enden. Sie schauen mich irgendwann komisch von der Seite an und ich lese in ihren Hirnen. "Das sagt sie jetzt nur so. Alles Selbstschutz. Sie ist doch am Ende." Genau! Bin ich auch! Aber ich will nen Abgang mit Pauken und Trompeten. Drama, Baby, Drama!

 

6.8.10 12:03

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