Tag 2: Die Schnauze mit Dachlatten verrammeln

Mein Therapeut und ich, wir sind uns einig: Mir mangelt es nicht an Intelligenz, sondern nur an der einen zündenden Idee. Ich muss rausbekommen, welchen positiven Effekt ich habe, wenn ich in dieser Beziehung bleibe. Toll - und wo soll ich sie hernehmen, die eine zündende Idee? Nachdenken ist angesagt, mal wieder. Mein Therapeut Thomas hilft mir dabei. Ich lasse die vergangenen Jahre Revue passieren. Wie ich gestern schon sagte: Schön war es nicht. "Ich glaube, ich brauche den Terror, diesen Kick, diesen Adrenalinschub, der mit dieser Beziehung und diesen permanenten Auseinandersetzungen verbunden ist", beschließe ich Thomas vor die Füße zu werfen. Er lächelt und schiebt sich die Brille in die Haare. "Könnte sein. Aber ich habe das Gefühl, dass das als Erklärung noch nicht reicht." Wir gehen zurück, reden über meinen Vater, mit dem ich mich von Kindesbeinen an im verbalen Schlagabtausch geübt habe. "Ihr Vater hat sich nicht entzogen. Er hat mit Ihnen geredet. Und die Beziehungsebene war geklärt." Ich nicke. Und denke: Die Beziehungsebene von DD und mir - die existiert schon lange nicht mehr. "Er hat mal zu mir gesagt, ich sei der beste Mensch, den er kennt. Ich glaube, dass würde er heute nicht mehr über mich sagen." Thomas sieht mich an und fragt nach den Gefühlen, die mit dieser Einsicht verbunden sind. Gefühle? Mein Gott, Gefühle. Soll ich jetzt allen Ernstes über den Hass sprechen, den ich oft genug empfinde, wenn ich an DD denke? Ich tue es. Thomas ist ein Professioneller und wird deshalb ja auch für sein Zuhören bezahlt. Da hält sich mein schlechtes Gewissen, dass ich diesen Dreck auch noch verbalisiere, in sehr eng gesteckten Grenzen. Ich erzähle Thomas von der Badegeschichte. "Ich habe ihm gesagt, Ersaufen ist eine Lösung. Gut, das ist nicht nett - aber er ist ja auch nicht nett zu mir." Dass ich den Respekt vor DD schon vor langer Zeit verloren habe, ist mir klar.  Keine Neuigkeit, die mich noch aus dem Konzept bringen könnte. Wie kann ich aber vor diesem Hintergrund ernsthaft behaupten, dass ich DD noch liebe? Wie kann man jemanden lieben, den man nicht respektiert. Thomas pflichtet mir bei. Wie gesagt: Wir sind uns einig.

Wieder fragt Thomas nach dem Gedanken des stützenden positiven Effekts. Punkrock!!! Ich spreche das Wort nicht aus. Klingt zu kindisch und ist auch zu kryptisch. Außerdem sind die magischen 50 Minuten unseres Beisammenseins schon wieder um. Ich verspreche, dass ich mich bis zum nächsten Termin am kommenden Freitag intensiv mit dieser Frage beschäftigen werde und meine Gedanken verschriftliche. Die Macht des Wortes, da ist sie wieder. Ich muss nämlich immer alles in Worte fassen, ich muss kommunizieren. Das ist die einzige Art, wie ich leben kann. Geht das denn auch anders, frage ich Thomas noch, bevor ich seine Praxis verlasse. Er lacht und sagt, dass ich mir auch darüber mal meine Gedanken machen sollte. Ja, ich rede viel, nur nicht mit DD. An dieser Front verfalle ich seit Monaten in dumpfes Brüten. Aber sonst muss man mir die Schnauze mit Dachlatten verrammeln, wenn man mal seine Ruhe haben will.

Ich fahre zu meiner Mutter. Zwanzig Minuten im Auto, die ich mit Nachdenken verbringen kann. Ich formuliere die Punkrock-Idee für Thomas in Gedanken schon einmal aus. "Ich wollte nie diese "trautes Heim, Glück allein"-Geschichte. Ich finde das langweilig. Ich wollte immer etwas, was mich fordert. Den Grenzgang. Das Spiel mit dem Feuer. Und das habe ich dann ja auch bekommen - mehr als ich vertragen kann, wie man jetzt unschwer erkennen kann."

Meine Mutter bekommt das ab, was eigentlich DD zusteht: Verbalattacken, Vorwürfe, Schuldzuweisungen. Ich merke, was ich tue, aber ich gebiete mir keinen Einhalt. Scheißegal, denke ich. Mir geht es schlecht, dann sollen es auch alle merken. Dass das nicht gerade ein Ruhmesblatt ist, weiß ich auch. Aber das ist mir im Moment fürchterlich schnuppe. Ich mache meine Mutter so richtig zur Minna und haue dann einfach ab. Mutter heult - Plansoll erfüllt.

Im Auto kommt dann zwar nicht das schlechte Gewissen, aber die Einsicht, dass das auch nichts bringt. Meine Mutter ist nicht mein Problem. Das sind alles nur Stellvertreterkonflikte. Gott, bin ich toll und reflektiert. Ich habe sogar noch die Fachbegriffe parat, um mein widerwärtiges Verhalten zu bezeichnen. Ich nehme mir vor, mich an den Schreibtisch zu setzen und mir endlich mal Gedanken zu machen, wie ich mit DD, mit mir und allen anderen Menschen umgehe. Und ich hoffe inständig, dass sie endlich zu mir kommt - die zündende Idee.

Und tatsächlich kommt sie - und die Einsicht ist alles andere als erbaulich. Ich bleibe bei DD, weil das in gewisser Hinsicht ein echtes Alleinstellungsmerkmal ist. Und da ich ja schon immer einzigartig sein wollte, was ganz BESONDERES eben - ist er der perfekte Partner. So kann ich jedem sagen: Schaut her, so eine Horror-Beziehung habt ihr nicht. Ich bin die Alleinherrscherin im dunklen Reich der Sucht, der Abhängigkeit, der Verletzungen und Erniedrigungen.  Ja, das scheint die Wahrheit zu sein, mit der ich neben mir selbst auch Therapeut Thomas konfrontieren muss. Ich werde versuchen, es ihm ganz schonend beizubringen. Ich habe aber noch keine Idee, wie ich das machen soll. Wie soll man einem Menschen sagen, dass man stolz ist auf so ein Scheißleben? Keine Ahnung. Ich werde es bestimmt schaffen. In Sachen Verbalkosmetik bin ich ja so ungeübt nicht. Aber viel wichtiger ist im Moment die folgende Frage: Welche Konsequenzen hat diese Einsicht? Wie gehe ich jetzt mit mir und DD um? Mache ich morgen als erste Amtshandlung die Telekom wuschig und lasse mir eine Geheimnummer geben? Verlasse ich das Land? Nehme ich eine neue Identität an? Denn irgendetwas sagt mir, dass auch DD noch nicht mit mir und dem, was wir Beziehung nennen, fertig ist. Und ich bin mir noch weniger sicher, dass ich stark genug bin und den Hörer direkt fallen lasse, wenn er mich anruft. Oder ihm die Tür vor der Nase zuknalle, wenn er vorbeikommt. Kann er nicht einfach verschwinden? Oder sterben? Oh Mann, darf man das eigentlich ungestraft denken? Meine Studienfreundin Andrea war der festen Überzeugung, dass solche Hassgedanken sich IMMER gegen den wenden, der sie hegt. Na prima, sterbenskrank bin ich schon. Ist klar, Gott, du hast es vorhergesehen und mein Absinken in den Sumpf schon mal präventiv mit dem widerlichen Zeug bestraft, das mir gerade die Lymphen auffrisst. Danke. Ich werde deine Größe und Allmacht nie wieder in Zweifel ziehen - versprochen!

Aber mal im Ernst: Wie kann ich mit DD abschließen, wenn er immer wieder querschießt? Das geht doch nicht, verdammter Bockmist. Kann er denn nicht einmal in seinem Leben kooperativ sein? Nein!

Defacto ist es aber so, dass DD überhaupt keine Anstalten macht, querzuschießen. Er ruft nicht an, schreibt nicht und kommt schon gar nicht unangemeldet vorbei. Scheiße! Und spätestens an diesem Punkt merke ich, wie bescheuert ich wirklich bin. Ich überlege, wie ich ihn loswerden kann - und wünsche mir auf der anderen Seite nichts sehnlicher, als ihn endlich zu sprechen und zu sehen. Ich könnte kotzen - spontan - eine lange Reihe.

Mein Selbstbild ist ganz schön gestört. Da ist ein surrealistisches Bild ja noch einfältiger Kinderkram. Bei mir wimmelt es nur so von Monstern, Kranken und Verstümmelten. Ich bin ein krankes, verstümmeltes Monster. Ich bin abhängig - und meine Droge ist DD. Und da ich diese Droge leider nicht vor kleines oder von mir aus auch großes Geld am Bahnhof kaufen kann, habe ich jetzt ein Problem. Was tun, wenn der andere mal wieder im Sandkasten sitzt und sagt: Ich spiele nicht mit - und schon gar nicht mit dir!!! Spontan habe ich wieder einmal den dringenden Verdacht, dass mich nun auch noch der gallopierende Wahnsinn in seinen blutigen Klauen hat. Gibt es denn nicht eine Pille, die mich heilen kann? Pillen sind doch toll, die nehme ich gerne. Hey, Pharma-Fürsten, habt ihr noch nichts entwickelt, was man bei emotionaler Abhängigkeit einwerfen kann und was auch noch hilft? Nein? Ja, dann denkt mal schnellstens drüber nach. Ich nehme mal an, der Markt ist riesig. Denn ich bin garantiert nicht die einzige dusselige Ziege, die sich auf Teufel komm raus in einer total zerstörerischen Beziehung zum Deppen macht.

Keine Pillen, keine Abhilfe. Also muss ich dann doch wieder selber ran. Aber wie? Natürlich denke ich schon den ganzen Abend darüber nach, ihn einfach anzurufen. Aber da ich nicht weiß, was ich dann sagen soll, lasse ich es am Ende doch. Das hat echt nichts mit Selbstachtung und Erhaltung meiner Restwürde zu tun, ich schwöre es. Ich finde es nur doof, für Schweigen am Telefon auch noch Geld zu bezahlen. Da bin ich dann doch mal geizig!

Ich schiebe also doch wieder eine Jungärzte-DVD ein und hoffe, dass auch dieser Tag bald ein Ende hat. Bis dahin kasteie ich mich noch ein bisschen mit Schuldzuweisungen, raufe mir die frisch gefärbten Haare (was tut man nicht alles, um sich die Zeit zu vertreiben) und rauche eine Zigarette nach der anderen. Ich bin ja schon  krank - da kann ich ja nicht mehr viel schrotten. Was wäre ich ohne meinen Zynismus? NIX! Hoffentlich kann ich schlafen. Ich brauche nämlich endlich mal wieder so eine Nacht mit mindestens fünf Stunden Schlaf am Stück. Oh bitte, das muss doch drin sein. Das kann doch nicht maßlos sein. Ich verlange ja nicht acht Stunden. Nein, ich bin ganz bescheiden und will nur fünf. Sechs wären natürlich noch toller - aber wie gesagt: Bescheidenheit ist eine Zier.

 

28.2.05 17:13

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