Tag 1: Das Leben zeigt seine hässliche Fratze

Ich bin krank. Und deshalb gehe ich diese Woche auch nicht zur Arbeit. Das ist ziemlich schlecht, weil ich so noch mehr Zeit zum Denken habe. Und DENKEN IST BÖSE! Da Schlaf Luxus ist, der mir nicht zusteht, stehe ich morgens um 6 Uhr schon senkrecht im Bett. Ich stehe dann auf und versuche, die vielen Stunden irgendwie rumzubringen, bevor ich mich wieder ins Bett legen kann. Klingt nach einem tollen, spannenden Lebenskonzept? Finde ich auch.

Ich lese wie ein Bescheuerte, liege auf meinem Sofa und verschlinge Schwedenkrimis, denen ich eigentlich schon vor ein paar Jahren abgeschworen habe. Aber im Moment geht nichts anderes. Zwischendurch lasse ich mich von den Pseudoproblemen amerikanischer Jungärzte einlullen. Auch da geht gerade nichts anderes. Gut, dass ich diese grauenhaften DVDs habe, jetzt zahlt sich die Investition aus. Ich will mir gar nicht ausmalen, was ich täte, wenn ich sie nicht hätte. Noch mehr rauchen und noch weniger essen wahrscheinlich.

Vor einer Woche habe ich das letzte Mal mit DD telefoniert. Wie immer war es kein gutes Gespräch. "Du kannst sagen, was du auf dem Herzen hast. Aber ich werde nicht antworten, weil ich weiß, wie das endet - und das will ich nicht." Gut, eine Aussage, die erstmal so schwammig ist, dass ich, die noch ein halbwegs intaktes Hirn hat, nicht weiter überdenke sollte. Tue ich aber seitdem. Und zwar RICHTIG. Ich frage mich, was er damit meint. Was er sagen würde, wenn er denn den Mund mal aufmachen würde. Wahrscheinlich kämen nur wüste Beschimpfungen und Vorwürfe. Wie immer! Mein Therapeut (ja, den habe ich nämlich, nicht nur wegen DD, sondern auch weil ich mit meinem Leben im Moment gar nicht mehr zu Rande komme) sagte vergangene Woche: "Sagen Sie doch mal, was DD an Ihnen schätzt." Ja, und da fiel mir nichts ein. Mir fiel tatsächlich nichts ein. Ich hätte heulen können, als mir das klar wurde. Der Mann, den ich liebe, ist für mich zu einem Unbekannten geworden. Als ich nach der Sitzung im Auto saß und endlich allein war, kamen die Tränen aber doch nicht. Es kommt gar nichts mehr.

Und seit dem letzten Telefonat warte ich nun auf das nächste Lebenszeichen. Mit Schrecken. Denn mittlerweile weiß ich nicht mehr, was ich noch sagen soll. Und ich nehme mir mal wieder vor, nicht ans Telefon zu gehen, wenn er anruft. Das mache ich immer so. Und am Ende hebe ich natürlich den Hörer hoch und tue so, als sei alles in Ordnung.

Die Zeit scheint nicht vergehen zu wollen. Ich sitze da, starre auf das Telefon und sehe dann auf die Uhr. Okay, es ist 13.45 Uhr. Da sitzt er natürlich noch am Schreibtisch und arbeitet. Ich checke meine Mails - auch nichts. Danke für's Gespräch. Ich fühle mich leer und allein. Alles ist besser als dieses Gefühl. Ich weiß, dass der Druck bald so groß sein wird, dass ich wieder zum Telefon greife und seine Nummer wähle. Das ist eine Niederlage, aber was soll's? Hauptsache, der Schmerz lässt endlich nach. Aber eine andere Stimme in mir sagt: Nein, dieses Mal bleibst du stark. Du fällst nicht um. Gibst nicht klein bei. Kriechst nicht zu Kreuze. Das ist auf die Dauer auch nicht toll. Und vor allem ist es anstrengend. "Vermeidung ist als Konzept doch auch Scheiße", habe ich gestern noch zu einer guten Freundin gesagt, die neben mir auf dem Sofa saß und den seelischen Mülleiner gespielt hat. Sie nickte nur und sagte - nichts. Zu ihrer Ehrenrettung als Freundin des Jahres muss ich sagen, dass sie bisher immer etwas gesagt hat. Aber irgendwann geht auch den Besten von uns mal die Puste aus. Und der geistreiche Text. Wer wiederholt sich schon gerne pausenlos.

Ich versuche mich zu disziplinieren und nutze sogar mein Handy schamlos als Krücke aus. Alle zehn Minuten gröhlt mein Handy Durchhalteparolen in die Welt. "Wenn es eine schafft, dann du", "Er ist ein Arschloch und er ist es nicht wert, dass ich mit ihm spreche", "Ich rufe nicht an - nein, das tue ich nicht." Ich schäme mich ja selbst für diese Sache - aber wenn's hilft? Sind denn nicht alle Mittel erlaubt - im Krieg und in der Liebe?

Und dann verfalle ich wieder in dumpfes Brüten. Was habe ich falsch gemacht? Nach seinem Dafürhalten jede Menge. Ich hätte zum Beispiel nie krank werden dürfen. "Wie kannst du mir das nur antun?" war seine erste Reaktion. Die zweite: "Mein Gott, eigentlich bin ich neidisch. Wenn ich so krank wäre, hätte ich bald keine Probleme mehr." DANKE SCHÖN!
Und ich hätte auch niemals schwanger werden dürfen. "Ich bring mich um" war sein erster Kommentar. DANKE SCHÖN! Und als ich das Kind dann verloren habe und es ihm nicht sofort sagen konnte, war ich natürlich auch wieder die Böse. Wie ich es mache, mache ich es eben falsch.

Ich finde, dass allein diese drei Themenfelder schon genügen, um zu zeigen, wie grauenhaft die Angelegenheit ist. Ich muss aber zugeben, dass ich nicht nur einstecke, sondern auch nach Herzenslust austeile. In ganz dunklen Momenten habe ich ihm beim Baden am See zugerufen "Ja, Ertrinken ist eine Lösung, dann ist das Elend bald vorbei". Leider auch der Krampf, der seinen Kampf mit den Fluten ausgelöst hatte.

Warum wir noch miteinander sprechen, wissen wir wohl beide schon seit geraumer Zeit nicht mehr. Die Verletzungen, die wir uns zugefügt haben, reichen gleich für mehrere Leben. Aber scheinbar können wir nicht ohne den anderen. Denn wenn ich mich abwende und er es irgendwann auch registriert, dann ist er wieder am Start. Dann kann er sich ins Zeug legen, betteln, jammern und das sagen und tun, was alles wieder besser macht. Natürlich nimmt er alles sofort wieder zurück, wenn ich auf seine Schmeicheleien und Liebesschwüre eingehe. Ein Jojo-Spiel für Masochisten.

Aber heute werde ich stark bleiben. Ich gehe nicht ans Telefon, wenn es klingelt. Und ich nehme den Hörer auch nicht ab und wähle seine Nummer. Ich schreibe keine Mail und keine SMS. Ich lege mich einfach wieder auf mein Sofa und warte auf den nächsten Tag.

 

4.8.10 18:57

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