Tag 4: Die Faust in der Tasche

Käme mir heute ein Schwein vor die Flinte, ich würde schießen, schießen, schießen. Meine Umwelt gibt mir immer mehr das Gefühl, dass ich das allerletzte Stück Dreck bin. In den meisten Momenten deckt sich das ja mit meiner Eigenwahrnehmung, aber heute bin ich auf dem Baum. Meine Freundin D. mit den tollen Ratschlägen für die Lösung meiner Lebensprobleme suhlt sich gerade in ihren Post-Beziehungsproblemen. Und mir wird der Mund verboten. Ja, da ist es wieder - mein altbekanntes Dachlatten-Verrammel-Bild. Aber warum eigentlich ich? Warum soll ich immer brav die Schnauze halten? "Will ich das hören?", ist D.s Standardsatz, wenn ich einatmen, um dann verbal auf ihre Redebeiträge zu reagieren. Gut, dann sage ich eben nichts mehr. Einfach mal die Schnauze halten. Dass ich dann aber bald auch wirklich den Rückzug antrete, müsste D. eigentlich wissen. So gut müsste sie mich mittlerweile kennen. Ich bin geladen wie ein Maschinengewehr und knalle den Hörer nach diesem unerquicklichen Telefonat auf. Dann steht D. jetzt also auch auf der Liste der Menschen, die ich nicht mehr anrufen und sehen werde. Die Scheißliste wird immer länger. Und ein Blick auf diese imaginäre Liste gibt mir das Gefühl, dass ich nur noch ein unerträgliches Phänomen für meine Mitmenschen bin. Wenn ich demnächst verrecke, tanzen die auf meinem Grab vor lauter Freude Polka. Warum ist das so? Wo liegt da meine Verantwortung? Mute ich denn tatsächlich allen zuviel zu? Ist es wirklich eine Zumutung, dass ich lebe? Scheinbar haben dieses Gefühl gerade eine Menge Leute. Und ich spüre, wie die Traurigkeit in mir wächst. Ich falle allen zur Last, weil ich bin, wie ich bin. Alle wären ohne mich bedeutend besser dran. Dann würden sie ihr Leben ohne Störfälle führen können. Ich sollte mich einfach schnellstens in meine Bestandteile auflösen, damit alle wieder ihre wohlverdiente Ruhe haben.

Mein Entschluß, mich zurückzuziehen, bleibt also bestehen. Den Kontakt abzubrechen, fällt nicht leicht, aber offensichtlich gibt es keine andere Lösung. Ich will keinem eine Last sein und das Leben versauen. Das ist nun wirklich nicht mein erklärtes Ziel. Das Schlimme ist letztlich, dass diese Vorkommnisse mein Gefühl nähren, dass ich, so wie ich bin, nicht gut genug und deshalb auch nicht liebenswert bin. Ein altes Gefühl - das hatte ich schon als Kind. Und da ist es wieder. Immer wieder springt es wie Jack aus der Box und grinst mich provozierend an: "Na, wann ziehst du endlich die Konsequenzen und machst dich dünne?"

Übertreibe ich jetzt? Gestehe ich anderen Menschen nicht zu, dass sie auch mal seltsam und durchgedreht sein dürfen? Doch, das darf jeder. Ich bin es doch auch. Warum also immer wieder solche Auseinandersetzungen, die alles zerstören? Ich habe keine Ahnung und wie immer keine Antwort. Und ich habe es satt. Ich habe es satt, außer Fragen nichts mehr auf dem Haben-Konto verbuchen zu können. Das ist Scheiße, das ist Dreck - das sollte nicht mein Leben sein. Ist es aber. Ich drehe mich immer mehr in diesen Film. Und vergesse darüber, was ich eigentlich wollte. Ich wollte eigentlich über DD. und mich nachdenken - und zu einer konstruktiven Vorgehensweise kommen. Aber das gebe ich für den heutigen Tag auf. Ich schaffe das eh nicht. Ich werde bis ans Ende meiner Tage damit weitermachen, mich von ihm mies behandeln zu lassen. Weil ich nichts anderes kenne und nichts anderes verdiene. Ich wähle die Qual, weil ich sie kenne. Dann muss ich mich nicht an etwas Neues gewöhnen. Sollen die Leute denken, was sie wollen. Ich werde nicht mehr darüber reden. Ich werde jetzt schweigen. Vielleicht wollen sie das ja so! Und sie bekommen, was sie wollen.

7.8.10 14:55, kommentieren

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Tag 3: Notschlachtung ist doch immer eine Lösung

Ich habe die Schnauze voll: von mir, von DD, von dem Leben, wie ich es kenne. Ich habe die halbe Nacht wachgelegen und mich gefragt, wozu das alles noch gut sein soll. Ich habe natürlich keine Antwort aus dem Off erhalten. Wer immer da draußen für die Beantwortung meiner Fragen zuständig ist, schweigt. Vielleicht hat die Antwortabteilung ja gerade Betriebsferien oder ist im Streik. Also muss ich wieder selber ran - und das ist immer ein Desaster. "Das hier ist gut für gar nix!" Das ist die einzige Antwort, die mir einfällt. Mal eben zu den Hintergründen: Das letzte Jahr war der pure, blanke Horror. Im Januar musste ich meinen Hund einschläfern lassen, dann wurde ich krank (Lymphen werden zerfressen!!!) und kurz nach Weihnachten ist mein Vater gestorben. Und dieses Jahr kam die Fehlgeburt und ein erneuter Rückfall in Sachen Lymphen. Das sind nur fünf der wunderbaren Ereignisse, die mein  Leben so einzigartig erfüllt machen. Habe ich da nicht jedes Recht, die Schnauze gestrichen voll zu haben? Scheinbar nicht. Denn nicht nur DD ist der Meinung, dass ich keinen Grund zur Klage habe. Natürlich geht es ihm mit seiner mittlerweile 25 Jahre alten Suchtkarriere tausendmal beschissener als mir. Ist klar! Verstanden gehabt!!! Nicht, dass ich hier den offiziellen "Wessen Leben ist denn nun am grauenhaftesten"-Contest ausrufen will. Ich will ja eigentlich nur ein bisschen Verständnis dafür, dass ich nicht 24 Stunden am Tag wie ein Honigkuchenpferd strahle und schreie "Das Leben ist schön!" Aber neben DD halten mich auch meine Restfamilie und meine Freunde und Bekannten für einen widerlichen Jammerlappen. Nein, es gibt ein paar Ausnahmen - wenn ich die nicht hätte, dann hätte ich wohl auch längst den Dritten Weltkrieg angezettelt. Meine Freundin E. meint zum Beispiel, dass das alles nur eine Frage der Einstellung ist. "Und deine ist eben falsch." Ihr Mann steht ihr in dieser Generalverdammung meiner Person treu zur Seite: "Wenn du dich mal am Riemen gerissen hättest, dann hättest du das Kind auch nicht verloren." Wie ich sowas nenne? Reden ohne Not!!! Wer gibt diesen Leuten eigentlich das Recht, diese Scheiße auch noch auszusprechen? Und was denke nsie, damit ernten zu wollen? Soll ich noch lieb DANKE sagen für solche Sätze? Das Ende vom Lied: Ich ziehe mich immer mehr zurück und pflege meinen Menschenhass.

Auf der anderen Seite weiß ich auch, dass ich mich nicht auf der Tatsache ausruhen darf, dass das Leben nicht einfach ist und mir manchmal übel mitspielt. Ich weiß auch, dass ich meinen Anteil an dieser Sache sicherlich geleistet habe. Wer so ein Leben führt wie ich, muss sich nicht wundern, wenn die Systeme irgendwann mal zusammenbrechen. Raubbau deluxe! Selbstzerstörung 2.0. Ich bin selbst verantwortlich für die Misere, in der ich zurzeit stecke. Aber ich sehe eben keinen Ausweg aus dem ganzen Chaos.

Therapeut Thomas und Hausarzt Robbi sind meine Verbündeten. Die sind wohl auch die einzigen Menschen, die wirklich um das Ausmaß meiner Probleme wissen. Mitleid will ich nicht - darauf kann ich dankend verzichten. Ich will ein offenes Ohr und jemanden, der mir bei der Suche nach einem Ausweg hilft. "Mir würde schon eines Ihrer Probleme reichen, um den Kopf in den Sand zu stecken", hat Robbi Hausarzt mal zu mir gesagt. Und dann hat er so richtig Gas gegeben und einen Behandlungsplan aus dem Ärmel geschüttelt, der leider keine dauerhafte Heilung gebracht hat, der aber dafür wirklich seinen Einsatz dokumentierte. Mir zeigt das immer, dass ich doch nicht ganz allein an all diesen Fronten kämpfe.

DD hat sich gestern übrigens auch nicht mehr gemeldet. Warum auch? Warum sollte er mit mir reden? Ich bin nach seinen Angaben nur eine Psychopathin, die ihm das Leben zur Hölle machen will. Wenn ich mir das ins Gedächtnis rufe und mal rekapituliere, was er mir in den letzten Jahren zugemutet hat, dann habe ich das Schwert in der Hand und möchte direkt zum Angriff reiten. Aber das nützt nichts. Mein lieber Freund K. sagte mir, dass sich diese ganzen Verdächtigungen und negativen Gefühle letztlich nur gegen mich selbst richten. "Du meinst am Ende des Tages doch, dass du die Schuld an allem trägst." Ja, da hat er ins Schwarze getroffen. Tatsächlich überlege ich ständig, was ich falsch gemacht habe, wann ich ihn unter Druck gesetzt, ihn verletzt oder schlecht behandelt habe. "Was soll das? Siehst du nicht, wer da wen quält?", fragt K. und redet auf mich ein. Mit Engelszungen. Und ich fange an, in das selbe Horn zu blasen. Aber wenn das Gespräch mit K. vorbei ist, kehre ich sofort zu meiner eigenen Deutung der Dinge zurück und kasteie mich für meine Fehler.

Da aber Jammern nicht gilt und das Leben irgendwie weitergehen muss, mache ich mich auf und lasse mir die Haare schneiden. Klingt jetzt schrecklich banal, aber auch so geht die Zeit rum. Und außerdem gähnt mich der leere Kühlschrank schon seit Tagen aggressiv an, dass ich auch noch einen Supermarkt ansteuere und irgendwas in meinen Wagen packe, das die leeren Fächer im Kühlgerät meines Vertrauens füllt. Aber dann sitzte ich doch wieder mit meiner Zigarette auf meinem Sofa und könnte schreien.

Wo ist eigentlich die Rachel geblieben, die ich mal war? Die hatte Freude am Leben, Spaß, war kreativ und relativ erfolgreich im Job, ein Sonnenschein für ihre Mitmenschen, eine Bereicherung jeder Ansammlung von zwei oder mehr Menschen. Bei einer Sitzung mit Therapeut Thomas habe ich für diesen Teil meiner Persönlichkeit eine große Holzkiste mit verschließbarem Deckel als Anschauungsmaterial herangezogen. "Das ist die Rachel, die ich mal war. Da sind die Sachen weggesperrt, die Rachel mal ausgemacht haben. Und ich stehe jetzt vor dieser Kiste und trauere um diesen Teil von mir und ich würde so gern den Deckel lüften und endlich all die Dinge wiederhaben. Aber ich habe die Schlüssel nicht mehr. Die habe ich auf dem Weg verloren." Eine ziemlich traurige Geschichte, oder? Ich fand's so schön rührig, dass ich schon wieder vor Lachen gebrüllt habe. "Naja, ich finde Ihren Zynismus ja eigentlich sehr erfrischend, aber finden Sie diese Reaktion jetzt nicht ein wenig unangebracht?", fragte Therapeut Thomas. "Was hätten Sie denn lieber? Soll ich heulen und mich schreiend auf den Boden werfen? Dann wird's hier nass und Sie müssen wischen. Auch nicht schön, oder? Und angebracht auch nicht." Da war er natürlich still und schüttelte nur mitleidig den Kopf. Ich bewundere seinen Langmut, den er im Umgang mit mir an den Tag legt. Ich an seiner Stelle hätte mich längst geschlachtet. Aber wahrscheinlich zahlt ihm die Krankenkasse ein schickes Schmerzensgeld für Patienten wie mich. Psychoschnitzer hätte ich werden sollen! Dann würde ich fürs Zuhören bezahlt und hätte schon ein nettes Ferienhäuschen in der Normandie. Das mit dem Schlachten thematisiere ich dann auch auf der Stelle. "Notschlachtung ist doch immer eine Lösung!" Er lacht lauthals und schlägt mir auf die Schulter. "Na klar, genau wie Gewalt. Aber ich habe keine Abrechnungsnummer für solche Dienste am Patienten." Ein Mann mit Humor. Daumen hoch für Thomas.

Heute werde ich mit meinen Freundinnen H. und S. versuchen, einen netten Abend zu haben. Die kommen auf Krankenbesuch. Das tun sie alle - seit eineinhalb Jahren. Themen wie Lymphen und DD vermeide ich tunlichst. Ich kann es nämlich selber nicht mehr hören. Aber das wissen die anderen ja nicht. Denn die meinen tatsächlich, dass ich mich am liebsten über diese Dinge auslasse. Aber mein Humor ist so wenig kompatibel, dass diese Abende dann immer ungut enden. Sie schauen mich irgendwann komisch von der Seite an und ich lese in ihren Hirnen. "Das sagt sie jetzt nur so. Alles Selbstschutz. Sie ist doch am Ende." Genau! Bin ich auch! Aber ich will nen Abgang mit Pauken und Trompeten. Drama, Baby, Drama!

 

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Tag 2: Die Schnauze mit Dachlatten verrammeln

Mein Therapeut und ich, wir sind uns einig: Mir mangelt es nicht an Intelligenz, sondern nur an der einen zündenden Idee. Ich muss rausbekommen, welchen positiven Effekt ich habe, wenn ich in dieser Beziehung bleibe. Toll - und wo soll ich sie hernehmen, die eine zündende Idee? Nachdenken ist angesagt, mal wieder. Mein Therapeut Thomas hilft mir dabei. Ich lasse die vergangenen Jahre Revue passieren. Wie ich gestern schon sagte: Schön war es nicht. "Ich glaube, ich brauche den Terror, diesen Kick, diesen Adrenalinschub, der mit dieser Beziehung und diesen permanenten Auseinandersetzungen verbunden ist", beschließe ich Thomas vor die Füße zu werfen. Er lächelt und schiebt sich die Brille in die Haare. "Könnte sein. Aber ich habe das Gefühl, dass das als Erklärung noch nicht reicht." Wir gehen zurück, reden über meinen Vater, mit dem ich mich von Kindesbeinen an im verbalen Schlagabtausch geübt habe. "Ihr Vater hat sich nicht entzogen. Er hat mit Ihnen geredet. Und die Beziehungsebene war geklärt." Ich nicke. Und denke: Die Beziehungsebene von DD und mir - die existiert schon lange nicht mehr. "Er hat mal zu mir gesagt, ich sei der beste Mensch, den er kennt. Ich glaube, dass würde er heute nicht mehr über mich sagen." Thomas sieht mich an und fragt nach den Gefühlen, die mit dieser Einsicht verbunden sind. Gefühle? Mein Gott, Gefühle. Soll ich jetzt allen Ernstes über den Hass sprechen, den ich oft genug empfinde, wenn ich an DD denke? Ich tue es. Thomas ist ein Professioneller und wird deshalb ja auch für sein Zuhören bezahlt. Da hält sich mein schlechtes Gewissen, dass ich diesen Dreck auch noch verbalisiere, in sehr eng gesteckten Grenzen. Ich erzähle Thomas von der Badegeschichte. "Ich habe ihm gesagt, Ersaufen ist eine Lösung. Gut, das ist nicht nett - aber er ist ja auch nicht nett zu mir." Dass ich den Respekt vor DD schon vor langer Zeit verloren habe, ist mir klar.  Keine Neuigkeit, die mich noch aus dem Konzept bringen könnte. Wie kann ich aber vor diesem Hintergrund ernsthaft behaupten, dass ich DD noch liebe? Wie kann man jemanden lieben, den man nicht respektiert. Thomas pflichtet mir bei. Wie gesagt: Wir sind uns einig.

Wieder fragt Thomas nach dem Gedanken des stützenden positiven Effekts. Punkrock!!! Ich spreche das Wort nicht aus. Klingt zu kindisch und ist auch zu kryptisch. Außerdem sind die magischen 50 Minuten unseres Beisammenseins schon wieder um. Ich verspreche, dass ich mich bis zum nächsten Termin am kommenden Freitag intensiv mit dieser Frage beschäftigen werde und meine Gedanken verschriftliche. Die Macht des Wortes, da ist sie wieder. Ich muss nämlich immer alles in Worte fassen, ich muss kommunizieren. Das ist die einzige Art, wie ich leben kann. Geht das denn auch anders, frage ich Thomas noch, bevor ich seine Praxis verlasse. Er lacht und sagt, dass ich mir auch darüber mal meine Gedanken machen sollte. Ja, ich rede viel, nur nicht mit DD. An dieser Front verfalle ich seit Monaten in dumpfes Brüten. Aber sonst muss man mir die Schnauze mit Dachlatten verrammeln, wenn man mal seine Ruhe haben will.

Ich fahre zu meiner Mutter. Zwanzig Minuten im Auto, die ich mit Nachdenken verbringen kann. Ich formuliere die Punkrock-Idee für Thomas in Gedanken schon einmal aus. "Ich wollte nie diese "trautes Heim, Glück allein"-Geschichte. Ich finde das langweilig. Ich wollte immer etwas, was mich fordert. Den Grenzgang. Das Spiel mit dem Feuer. Und das habe ich dann ja auch bekommen - mehr als ich vertragen kann, wie man jetzt unschwer erkennen kann."

Meine Mutter bekommt das ab, was eigentlich DD zusteht: Verbalattacken, Vorwürfe, Schuldzuweisungen. Ich merke, was ich tue, aber ich gebiete mir keinen Einhalt. Scheißegal, denke ich. Mir geht es schlecht, dann sollen es auch alle merken. Dass das nicht gerade ein Ruhmesblatt ist, weiß ich auch. Aber das ist mir im Moment fürchterlich schnuppe. Ich mache meine Mutter so richtig zur Minna und haue dann einfach ab. Mutter heult - Plansoll erfüllt.

Im Auto kommt dann zwar nicht das schlechte Gewissen, aber die Einsicht, dass das auch nichts bringt. Meine Mutter ist nicht mein Problem. Das sind alles nur Stellvertreterkonflikte. Gott, bin ich toll und reflektiert. Ich habe sogar noch die Fachbegriffe parat, um mein widerwärtiges Verhalten zu bezeichnen. Ich nehme mir vor, mich an den Schreibtisch zu setzen und mir endlich mal Gedanken zu machen, wie ich mit DD, mit mir und allen anderen Menschen umgehe. Und ich hoffe inständig, dass sie endlich zu mir kommt - die zündende Idee.

Und tatsächlich kommt sie - und die Einsicht ist alles andere als erbaulich. Ich bleibe bei DD, weil das in gewisser Hinsicht ein echtes Alleinstellungsmerkmal ist. Und da ich ja schon immer einzigartig sein wollte, was ganz BESONDERES eben - ist er der perfekte Partner. So kann ich jedem sagen: Schaut her, so eine Horror-Beziehung habt ihr nicht. Ich bin die Alleinherrscherin im dunklen Reich der Sucht, der Abhängigkeit, der Verletzungen und Erniedrigungen.  Ja, das scheint die Wahrheit zu sein, mit der ich neben mir selbst auch Therapeut Thomas konfrontieren muss. Ich werde versuchen, es ihm ganz schonend beizubringen. Ich habe aber noch keine Idee, wie ich das machen soll. Wie soll man einem Menschen sagen, dass man stolz ist auf so ein Scheißleben? Keine Ahnung. Ich werde es bestimmt schaffen. In Sachen Verbalkosmetik bin ich ja so ungeübt nicht. Aber viel wichtiger ist im Moment die folgende Frage: Welche Konsequenzen hat diese Einsicht? Wie gehe ich jetzt mit mir und DD um? Mache ich morgen als erste Amtshandlung die Telekom wuschig und lasse mir eine Geheimnummer geben? Verlasse ich das Land? Nehme ich eine neue Identität an? Denn irgendetwas sagt mir, dass auch DD noch nicht mit mir und dem, was wir Beziehung nennen, fertig ist. Und ich bin mir noch weniger sicher, dass ich stark genug bin und den Hörer direkt fallen lasse, wenn er mich anruft. Oder ihm die Tür vor der Nase zuknalle, wenn er vorbeikommt. Kann er nicht einfach verschwinden? Oder sterben? Oh Mann, darf man das eigentlich ungestraft denken? Meine Studienfreundin Andrea war der festen Überzeugung, dass solche Hassgedanken sich IMMER gegen den wenden, der sie hegt. Na prima, sterbenskrank bin ich schon. Ist klar, Gott, du hast es vorhergesehen und mein Absinken in den Sumpf schon mal präventiv mit dem widerlichen Zeug bestraft, das mir gerade die Lymphen auffrisst. Danke. Ich werde deine Größe und Allmacht nie wieder in Zweifel ziehen - versprochen!

Aber mal im Ernst: Wie kann ich mit DD abschließen, wenn er immer wieder querschießt? Das geht doch nicht, verdammter Bockmist. Kann er denn nicht einmal in seinem Leben kooperativ sein? Nein!

Defacto ist es aber so, dass DD überhaupt keine Anstalten macht, querzuschießen. Er ruft nicht an, schreibt nicht und kommt schon gar nicht unangemeldet vorbei. Scheiße! Und spätestens an diesem Punkt merke ich, wie bescheuert ich wirklich bin. Ich überlege, wie ich ihn loswerden kann - und wünsche mir auf der anderen Seite nichts sehnlicher, als ihn endlich zu sprechen und zu sehen. Ich könnte kotzen - spontan - eine lange Reihe.

Mein Selbstbild ist ganz schön gestört. Da ist ein surrealistisches Bild ja noch einfältiger Kinderkram. Bei mir wimmelt es nur so von Monstern, Kranken und Verstümmelten. Ich bin ein krankes, verstümmeltes Monster. Ich bin abhängig - und meine Droge ist DD. Und da ich diese Droge leider nicht vor kleines oder von mir aus auch großes Geld am Bahnhof kaufen kann, habe ich jetzt ein Problem. Was tun, wenn der andere mal wieder im Sandkasten sitzt und sagt: Ich spiele nicht mit - und schon gar nicht mit dir!!! Spontan habe ich wieder einmal den dringenden Verdacht, dass mich nun auch noch der gallopierende Wahnsinn in seinen blutigen Klauen hat. Gibt es denn nicht eine Pille, die mich heilen kann? Pillen sind doch toll, die nehme ich gerne. Hey, Pharma-Fürsten, habt ihr noch nichts entwickelt, was man bei emotionaler Abhängigkeit einwerfen kann und was auch noch hilft? Nein? Ja, dann denkt mal schnellstens drüber nach. Ich nehme mal an, der Markt ist riesig. Denn ich bin garantiert nicht die einzige dusselige Ziege, die sich auf Teufel komm raus in einer total zerstörerischen Beziehung zum Deppen macht.

Keine Pillen, keine Abhilfe. Also muss ich dann doch wieder selber ran. Aber wie? Natürlich denke ich schon den ganzen Abend darüber nach, ihn einfach anzurufen. Aber da ich nicht weiß, was ich dann sagen soll, lasse ich es am Ende doch. Das hat echt nichts mit Selbstachtung und Erhaltung meiner Restwürde zu tun, ich schwöre es. Ich finde es nur doof, für Schweigen am Telefon auch noch Geld zu bezahlen. Da bin ich dann doch mal geizig!

Ich schiebe also doch wieder eine Jungärzte-DVD ein und hoffe, dass auch dieser Tag bald ein Ende hat. Bis dahin kasteie ich mich noch ein bisschen mit Schuldzuweisungen, raufe mir die frisch gefärbten Haare (was tut man nicht alles, um sich die Zeit zu vertreiben) und rauche eine Zigarette nach der anderen. Ich bin ja schon  krank - da kann ich ja nicht mehr viel schrotten. Was wäre ich ohne meinen Zynismus? NIX! Hoffentlich kann ich schlafen. Ich brauche nämlich endlich mal wieder so eine Nacht mit mindestens fünf Stunden Schlaf am Stück. Oh bitte, das muss doch drin sein. Das kann doch nicht maßlos sein. Ich verlange ja nicht acht Stunden. Nein, ich bin ganz bescheiden und will nur fünf. Sechs wären natürlich noch toller - aber wie gesagt: Bescheidenheit ist eine Zier.

 

1 Kommentar 28.2.05 17:13, kommentieren

Tag 1: Das Leben zeigt seine hässliche Fratze

Ich bin krank. Und deshalb gehe ich diese Woche auch nicht zur Arbeit. Das ist ziemlich schlecht, weil ich so noch mehr Zeit zum Denken habe. Und DENKEN IST BÖSE! Da Schlaf Luxus ist, der mir nicht zusteht, stehe ich morgens um 6 Uhr schon senkrecht im Bett. Ich stehe dann auf und versuche, die vielen Stunden irgendwie rumzubringen, bevor ich mich wieder ins Bett legen kann. Klingt nach einem tollen, spannenden Lebenskonzept? Finde ich auch.

Ich lese wie ein Bescheuerte, liege auf meinem Sofa und verschlinge Schwedenkrimis, denen ich eigentlich schon vor ein paar Jahren abgeschworen habe. Aber im Moment geht nichts anderes. Zwischendurch lasse ich mich von den Pseudoproblemen amerikanischer Jungärzte einlullen. Auch da geht gerade nichts anderes. Gut, dass ich diese grauenhaften DVDs habe, jetzt zahlt sich die Investition aus. Ich will mir gar nicht ausmalen, was ich täte, wenn ich sie nicht hätte. Noch mehr rauchen und noch weniger essen wahrscheinlich.

Vor einer Woche habe ich das letzte Mal mit DD telefoniert. Wie immer war es kein gutes Gespräch. "Du kannst sagen, was du auf dem Herzen hast. Aber ich werde nicht antworten, weil ich weiß, wie das endet - und das will ich nicht." Gut, eine Aussage, die erstmal so schwammig ist, dass ich, die noch ein halbwegs intaktes Hirn hat, nicht weiter überdenke sollte. Tue ich aber seitdem. Und zwar RICHTIG. Ich frage mich, was er damit meint. Was er sagen würde, wenn er denn den Mund mal aufmachen würde. Wahrscheinlich kämen nur wüste Beschimpfungen und Vorwürfe. Wie immer! Mein Therapeut (ja, den habe ich nämlich, nicht nur wegen DD, sondern auch weil ich mit meinem Leben im Moment gar nicht mehr zu Rande komme) sagte vergangene Woche: "Sagen Sie doch mal, was DD an Ihnen schätzt." Ja, und da fiel mir nichts ein. Mir fiel tatsächlich nichts ein. Ich hätte heulen können, als mir das klar wurde. Der Mann, den ich liebe, ist für mich zu einem Unbekannten geworden. Als ich nach der Sitzung im Auto saß und endlich allein war, kamen die Tränen aber doch nicht. Es kommt gar nichts mehr.

Und seit dem letzten Telefonat warte ich nun auf das nächste Lebenszeichen. Mit Schrecken. Denn mittlerweile weiß ich nicht mehr, was ich noch sagen soll. Und ich nehme mir mal wieder vor, nicht ans Telefon zu gehen, wenn er anruft. Das mache ich immer so. Und am Ende hebe ich natürlich den Hörer hoch und tue so, als sei alles in Ordnung.

Die Zeit scheint nicht vergehen zu wollen. Ich sitze da, starre auf das Telefon und sehe dann auf die Uhr. Okay, es ist 13.45 Uhr. Da sitzt er natürlich noch am Schreibtisch und arbeitet. Ich checke meine Mails - auch nichts. Danke für's Gespräch. Ich fühle mich leer und allein. Alles ist besser als dieses Gefühl. Ich weiß, dass der Druck bald so groß sein wird, dass ich wieder zum Telefon greife und seine Nummer wähle. Das ist eine Niederlage, aber was soll's? Hauptsache, der Schmerz lässt endlich nach. Aber eine andere Stimme in mir sagt: Nein, dieses Mal bleibst du stark. Du fällst nicht um. Gibst nicht klein bei. Kriechst nicht zu Kreuze. Das ist auf die Dauer auch nicht toll. Und vor allem ist es anstrengend. "Vermeidung ist als Konzept doch auch Scheiße", habe ich gestern noch zu einer guten Freundin gesagt, die neben mir auf dem Sofa saß und den seelischen Mülleiner gespielt hat. Sie nickte nur und sagte - nichts. Zu ihrer Ehrenrettung als Freundin des Jahres muss ich sagen, dass sie bisher immer etwas gesagt hat. Aber irgendwann geht auch den Besten von uns mal die Puste aus. Und der geistreiche Text. Wer wiederholt sich schon gerne pausenlos.

Ich versuche mich zu disziplinieren und nutze sogar mein Handy schamlos als Krücke aus. Alle zehn Minuten gröhlt mein Handy Durchhalteparolen in die Welt. "Wenn es eine schafft, dann du", "Er ist ein Arschloch und er ist es nicht wert, dass ich mit ihm spreche", "Ich rufe nicht an - nein, das tue ich nicht." Ich schäme mich ja selbst für diese Sache - aber wenn's hilft? Sind denn nicht alle Mittel erlaubt - im Krieg und in der Liebe?

Und dann verfalle ich wieder in dumpfes Brüten. Was habe ich falsch gemacht? Nach seinem Dafürhalten jede Menge. Ich hätte zum Beispiel nie krank werden dürfen. "Wie kannst du mir das nur antun?" war seine erste Reaktion. Die zweite: "Mein Gott, eigentlich bin ich neidisch. Wenn ich so krank wäre, hätte ich bald keine Probleme mehr." DANKE SCHÖN!
Und ich hätte auch niemals schwanger werden dürfen. "Ich bring mich um" war sein erster Kommentar. DANKE SCHÖN! Und als ich das Kind dann verloren habe und es ihm nicht sofort sagen konnte, war ich natürlich auch wieder die Böse. Wie ich es mache, mache ich es eben falsch.

Ich finde, dass allein diese drei Themenfelder schon genügen, um zu zeigen, wie grauenhaft die Angelegenheit ist. Ich muss aber zugeben, dass ich nicht nur einstecke, sondern auch nach Herzenslust austeile. In ganz dunklen Momenten habe ich ihm beim Baden am See zugerufen "Ja, Ertrinken ist eine Lösung, dann ist das Elend bald vorbei". Leider auch der Krampf, der seinen Kampf mit den Fluten ausgelöst hatte.

Warum wir noch miteinander sprechen, wissen wir wohl beide schon seit geraumer Zeit nicht mehr. Die Verletzungen, die wir uns zugefügt haben, reichen gleich für mehrere Leben. Aber scheinbar können wir nicht ohne den anderen. Denn wenn ich mich abwende und er es irgendwann auch registriert, dann ist er wieder am Start. Dann kann er sich ins Zeug legen, betteln, jammern und das sagen und tun, was alles wieder besser macht. Natürlich nimmt er alles sofort wieder zurück, wenn ich auf seine Schmeicheleien und Liebesschwüre eingehe. Ein Jojo-Spiel für Masochisten.

Aber heute werde ich stark bleiben. Ich gehe nicht ans Telefon, wenn es klingelt. Und ich nehme den Hörer auch nicht ab und wähle seine Nummer. Ich schreibe keine Mail und keine SMS. Ich lege mich einfach wieder auf mein Sofa und warte auf den nächsten Tag.

 

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Ohne ist auch nicht schöner

Die ganze Geschichte ist nicht schön. Ich warne nur vor. Wer jetzt aufhören möchte, sollte das tun. Lest was anderes - von mir aus auch Thomas Mann, wenn es sein muss. Oder guckt nen blöden Film. Oder kaut Nägel. Jedenfalls finde ich selbst alles schöner, toller und besser als das, was ich hier schreiben werde.

Aber es soll ja losgehen.

Wo fängt man an? Am Anfang? Nee! Dann müsste ich weit in die Vergangenheit gehen. Fange ich doch besser da an, wo ich gerade stehe.

Ich bin 38 Jahre und habe jede Menge Probleme. Vor allem selbstgemachte. Die sind ja bekanntlich die, die am hartnäckigsten sind. Mein Problem ist männlich, 43 Jahre alt und ein ziemlicher Widerling. Aber ich kann einfach nicht gehen. Ich lasse mich lieber weiter erniedrigen und verletzen. Ohne ihn zu sein - allein der Gedanke löst Panikattacken aus. Und wenn ich Panik sage, dann meine ich auch Panik.

Warum ich nicht gehe, wo es doch nicht schön ist? Weil "schön" für mich noch nie ein Qualitätsmerkmal für ein gutes Leben war. Und weil ohne eben auch nicht schöner ist.

99 Prozent meiner verfügbaren Lebenszeit verbringe ich mit Gedanken an ihn. Ich zerbreche mir den Kopf, wie es ihm geht (meistens geht es ihm nämlich schlecht), was er so macht (wahrscheinlich wie immer nichts) und warum alles zwischen uns so schwierig ist. Nebenbei gehe ich natürlich auch noch arbeiten, esse, trinke und schlafe. Wenn es denn geht. Im Moment geht das alles nicht so gut. Ich bin über diesen Kummer nämlich mittlerweile richtig krank geworden. Richtig KRANK!!! Nicht im Kopf. Nein! Nach den Aussagen meiner Mitmenschen bin ich eigentlich ein ziemlich intelligentes Wesen mit einer ganzen Menge positiver Eigenschaften wie Kreativität, Humor und Einfühlungsvermögen. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer. Mein Scheiß- Einfühlungsvermögen hat mir nämlich mein Scheiß-Genick gebrochen, weil ich mich nur um diesen Scheiß-Mann kümmere.

Der (wir nennen ihn der Einfachheit halber einfach mal DD) interessiert sich zurzeit für vieles - aber garantiert nicht für mich. Jeden Abend warte ich auf einen Anruf oder ein anderes Lebenszeichen. Das kommt aber nicht. Weil der werte Herr mal wieder keine Lust hat, den Hörer hochzuheben und mit mir zu sprechen. Dabei gibt es jede Menge, worüber wir sprechen  müssten. Unsere total verfahrene Beziehung zum Beispiel. Aber das alles ist ja kein Spaß - und da DD auf Spaß steht, meidet er mich wie die Pest persönlich.

Kennengelernt habe ich DD vor über 16 Jahren. Seit dieser Zeit weiß ich, dass das Leben mit ihm nicht einfach ist - und nie einfach sein wird. Ich habe das aber immer hingenommen, weil ich dachte: Hey, schwierig ist schön - einfach kann jeder. Auch eine Lebenseinstellung - aber keine gesunde.

DD ist eigentlich ein netter Mensch, den alle mögen und den alle unglaublich toll, charismatisch und gutaussehend finden. Gehen wir gemeinsam durch einen Supermarkt oder durch die Stadt, dann bleiben die Frauen wie hypnotisiert stehen und gaffen ihn an. DD merkt das nicht mal  - oder er zeigt es nicht. Die Frauen haben immer (IMMER) nette, normale Männer an ihrer Seite. Und ich denke dann: Mensch, Frau, sei doch froh, dass du so ein nettes Exemplar hast. Behalte den. Diesen hier, den willst du gar nicht haben - das verspreche ich dir.

Mit zwei Sachen muss ich an dieser Stelle direkt aufräumen: Nein, ich hasse Männer nicht. Ich mag Männer, ich finde Männer toll, ich liebe sie. Aber dieser Eine, der ist schwer zu ertragen. Und: Ich bin nicht eifersüchtig. Weil ich ihn ja eigentlich endlich aus meinem Leben streichen möchte. Da wäre ein Frau, die ihn mir vor der Nase wegschnappt, ja schon fast eine Verbündete zu nennen.  Aber das nur nebenbei.

Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Ich will mein Leben zurück! Das ist mein Ziel. Nach all den Jahren habe ich eingesehen, dass ich dieses Ziel gemeinsam mit ihm nicht erreichen kann. Allein - es scheitert an der Umsetzung dieser Erkenntnis in eine zielgerichtete Handlung. Ich falle immer wieder um und krieche zu Kreuze. Und genau das will ich doch nicht mehr. Ich will also von diesem Scheitern berichten. Denn meine Freunde, die ich seit Jahr und Tag mit DD-Geschichten bis aufs Blut nerve, sagen, dass die ganze Sache einen immensen Unterhaltungswert hat - wenn man nicht direkt betroffen ist. Also: Schön wird die Geschichte nicht - aber mörder-unterhaltsam. Ist alles dabei: Sex, Drugs, Rock'n'Roll, Liebe, Leiden, Krankheit, Tod, Verwünschungen... alles also, was eine gute Geschichte braucht.

4.8.10 18:26, kommentieren